Schlafforschung (Agentur Prittwitz&Partner)

presse::2008 11 01 schlafforschung agentur prittwitzpartnerDie Schlafforschung ist ein relativ neues Teilgebiet der Medizin. Welche Faktoren waren maßgeblich dafür, dass sich die Wissenschaft dem Schlaf zuwandte?

Amann-Jennson: Ja, das ist richtig – die Schlafforschung ist eine relativ junge Disziplin. Sie beginnt erst Ende der 30er-Jahre, als man erstmals mit Hilfe des Elektroenzephalogramms das Gehirn beim Schlafen beobachten konnte. Schon damals wurde erkannt, dass Schlaf nicht einfach das Gegenteil von Wachsein bedeutet, indem das Gehirn einfach abschaltet. Man stellte vielmehr jede Menge Aktivitäten im Gehirn fest. In den 50er-Jahren entdeckte man mit Hilfe der Polysomnografie die verschiedenen Schlafstadien und Schlaftiefen.

In den letzten Jahrzehnten hat sowohl die Schlafforschung als auch die Schlafmedizin enorm an Bedeutung gewonnen, da entdeckt wurde, dass der Schlaf einen viel größeren Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden hat, als bisher angenommen wurde. Der renommierte Schlafforscher und Schlafmediziner Prof. Dr. William C. Dement von der Stanford Universität ist überzeugt, dass unsere Gesundheit zu über 90 % vom Schlaf abhängt. Das heißt im Umkehrschluss, dass sich immer mehr Menschen durch zu wenig und gestörten Schlaf, also Schlafstörungen, sozusagen ‚krankschlafen’. Trendforscher sagen deshalb voraus, dass der gesunde Schlaf zum größten Lifestyle- und Gesundheitsprojekt der Zukunft wird.

Sie waren als Psychologe und Psychotherapeut tätig, bevor Sie sich der Schlafforschung verschrieben haben. In welchem Kontext wurde Ihnen bewusst, welch' überragende Bedeutung der Schlaf für unser Wohlergehen und Wohlbefinden am Tag hat?

Amann-Jennson: Einerseits durch meine tägliche Arbeit, denn ich habe nie einen Klienten gehabt, der ein psychisches oder psychosomatisches Problem hatte und gleichzeitig gut schlafen konnte.  Und andererseits durch die laufenden Forschungsergebnisse rund um den Schlaf. Gleichzeitig habe ich zahlreiche Spitzensportler mental betreut und rasch erkannt, dass die Leistungsfähigkeit und der Schlaf zwei untrennbare ‚Partner’ sind. Daraus habe ich dann meine jetzige Disziplin entwickelt, nämlich die ganzheitlich orientierte Schlafpsychologie, wo ich mich mit den Wechselwirkungen von Verhaltensfaktoren, Zeitfaktoren und Umweltfaktoren zum Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen beschäftige. Vereinfacht ausgedrückt ist der Schlaf das Spiegelbild dieser Faktoren. Dies bedeutet, dass gesunder Schlaf durch die Einbeziehung dieser Faktoren ‚produzierbar’ ist. Dies lässt sich auch durch eine Schlafmessung und eine Schlafanalyse (z.B. Quisi) objektiv dokumentieren.

In den modernen Leistungsgesellschaften werden Schlafstörungen und chronische Schlafdefizite nahezu epidemisch. Im gleichen Umfang, wie Schlafdauer und Schlafqualität sinken, nehmen hier Zivilisationskrankheiten zu. – Welche Ursachen hat diese Entwicklung?

Amann-Jennson: Die häufigste innere Ursache für Schlafstörungen ist psychosozialer Stress. Im äußeren Einflussbereich kommt die Summenwirkung weiterer entscheidender Faktoren wie Bett  bzw. Schlafsystem, Schlafraumklima und Schlafumfeld hinzu. Viele Schlafstörungen haben also ihre Ursachen im falschen Schlafraumklima; dazu zählen etwa Einflüsse von Lärmreizen, Lichtreizen, Chemiereizen sowie künstliche elektromagnetische Signale (Elektrosmog) aus der näheren und ferneren Umwelt. Diese stören den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Dazu kommt die bekannte Tatsache, dass wir aufgrund sozialer, beruflicher oder familiärer Einflüsse gegen den natürlichen Zyklus unserer inneren Uhren leben und schlafen. Man geht heute davon aus, dass zahlreiche Zivilisationskrankheiten wie hoher Blutdruck, Diabetes II, Stoffwechselstörungen bis hin zu Krebserkrankungen mit dem gestörten Schlaf und chronischen Schlafstörungen  zusammenhängen.

Obwohl wir ein Drittel unseres Lebens schlafen, beschäftigt uns der Schlaf allenfalls dann, wenn er ausgeblieben ist, wir an Schlafstörungen leiden oder unruhig schlafen. Wie erklären Sie sich das Phänomen, dass wir dem Schlaf nicht die Bedeutung beimessen, die ihm für unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit zukommt?

Amann-Jennson: Obwohl wir täglich schlafen und ohne den Schlaf nicht auskommen können, hat der Schlaf für den Menschen vor allem einen phänomenalen Charakter. Dies hängt damit zusammen, dass wir weder die Notwendigkeit noch die Tätigkeit des Schlafens wirklich bewusst erleben und steuern können. Daher kann der Mensch das Phänomen des Schlafes nicht näher erläutern oder beschreiben. Wir spüren nur die Folgen von gutem oder schlechtem Schlaf. Dazu fehlen auch die notwendigen Informationen über die Wichtigkeit des Schlafes innerhalb unseres Gesundheitssystems. Bei der Erstellung von Diagnosen und bei der Ursachenforschung von Gesundheitsproblemen spielt der Schlaf in der ärztlichen Praxis nach wie vor eine sehr untergeordnete Rolle. Künftig wird sich dies ändern, der Schlaf wird sowohl präventiv als auch innerhalb von zu verordnenden Therapien eine zunehmend wichtige Rolle spielen.

In den 80er Jahren begründeten Sie das Konzept des Bioenergetischen Schlaf®. Was ist das Besondere daran?

Amann-Jennson: Zusammen mit Fachexperten habe ich Mitte der 80er Jahre begonnen, ein Schlafkonzept (Schlaf-gesund-Konzept) zu entwickeln, welches alle Anforderungen von Schlafmedizinern und Schlafbiologen erfüllt. Im Vordergrund stehen dabei die elementaren Grundvoraussetzungen, um den biologisch bestmöglichen und erholsamen Schlaf zu erreichen. Es handelt sich dabei um eine auf die Natur bezogene Schlafhygiene mit der richtigen Schlafunterlage bzw. mit dem richtigen Schlafsystem, einem trocken-warmen Bettklima und einem elektrobiologisch störungsfreien Schlafplatz. Dazu ein dem jeweiligen Chronotyp – Nachtmensch oder Morgenmensch – angepasster Lebensstil und Schlafstil. Nur so werden alle bioenergetischen Systeme im Wechselspiele zwischen Geist-Körper-Seele im Schlaf ausgeglichen und gestärkt. Dies führt zu einer Vielzahl von positiven Effekten für die körperliche und mentale Fitness und ist die eigentliche Grundlage der Gesundheit.

Mit Ihrem Wirken und Ihren Publikationen machen Sie sich für einen Paradigmenwechsel stark. Welche konkreten Maßnahmen könnten einen Bewusstseinswandel einleiten und wer wäre gut beraten, sich zum Vorreiter einer Bewegung zu machen, die dem Schlaf als der Gesundheitssäule Nr. 1 Achtung zollt?

Amann-Jennson: Dank der Fortschritte in der Schlafforschung werden die Folgeschäden von Schlafmangel, Schlaflosigkeit und Schlafstörungen sowohl in der Medizin als auch in der Gesellschaft immer besser bekannt. Zu wenig Schlaf und Schlafstörungen "machten" dick, dumm und krank, nur ein gesunder Schlaf regeneriert Körper und Geist. Wichtig ist es daher, der modernen Gesellschaft klar zu machen, dass das Schlafzimmer bzw. der Schlaf der wichtigste biologische Ort und das Bett das biologisch wichtigste Möbelstück in Haus und Wohnung ist, um sich im Schlaf von den Strapazen des Tages zu erholen und um für den nächsten Tag körperlich und psychisch fit zu sein. Wenn bisher für viele Menschen das Auto das Statussymbol war, sollte es in diesem Jahrhundert das Bett sein, denn wer gesund leben will, der muss vor allem gesund und erholsam schlafen. Eine Vorreiterrolle können sowohl die Verantwortlichen in der Gesundheitsvorsorge als auch die behandelnden Ärzte, Heilpraktiker und Therapeuten übernehmen. Denn es gibt keinen kranken Menschen, der einen biologisch wertvollen Schlaf hat und keinen Gesunden, der nicht erholsam und gut schläft.

Wie kommt es, dass die Leistungsfähigkeit bei den meisten Menschen zwischen 13:00 und 15:00 Uhr abfällt und wie überwinden Sie Ihr persönliches Tief?

Amann-Jennson: Aus der Chronobiologie – also der Wissenschaft von den inneren Zeitrhythmen – wissen wir, dass die meisten Menschen zwischen 14 und 15 Uhr ein biologisch bedingtes Leistungstief haben. Dies führt häufig zu Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Betroffene sollten ihren Tagesablauf auf den Biorhythmus ihres Körpers anpassen. Es gibt zwei genetisch bedingte Chronotypen, die Eulen oder Nachtmenschen und die Lerchen oder Morgenmenschen. Der Nachtmensch ist in unserer Gesellschaft eher benachteiligt, da er am Morgen nicht wie gewünscht ausschlafen kann. Er ist daher vom biorhythmischen Leistungstief nach dem Mittag stärker betroffen. Ich selbst bin zum Beispiel ein Frühaufsteher und mein Tief hält sich nach dem Mittag eher in Grenzen. Wer an der Nachmittagsmüdigkeit leidet, kann vorbeugen: unbedingt den Wasserhaushalt regulieren und viel trinken, leichtverdauliches Mittagessen, danach über Mittag bei einem kurzen Spaziergang Sauerstoff tanken und eventuell ein kurzes Nickerchen machen. Dieses Powernapping sollte nicht länger als 20-25 Minuten dauern, denn zu viel Schlaf kann noch müder machen. Auch tagsüber immer wieder kurze Pausen einschieben. Wenn ich müde bin, lege ich auch eine Erholungspause ein und mache eine 10-minütige Entspannungsübung aus dem Autogenen Training. Das bringt sofort neue Power und einen klaren Kopf. Dadurch wird auch der nächtliche Schlaf noch besser und Schlafstörungen vorgebeugt.