Schlaflosigkeit: Was ist das? (Magazin Gesundheit)
Herr Amann-Jennson, Sie sind Schlafexperte. Leiden Sie selber unter Schlaflosigkeit bzw. Schlafstörungen?
(Schmunzelt) – Gott sei Dank nein. Wobei ich bewusst für einen quantitativen guten und regenerierenden Schlaf sorge. Zudem bin ich eine typische "Lerche" – ich gehe meistens vor 23 Uhr schlafen und stehe in der Regel zwischen 5 und 6 Uhr auf.
Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung bin ich überzeugt, dass Schlafstörungen meistens eine typische Folge der Lebensweise sind. Sie ist sozusagen die Antwort darauf, wie wir leben. Damit meine ich vor allem, wie wir den Tag verbringen.
Was stört einen gesunden Schlaf oder warum können so viele Leute nicht schlafen und leiden an Schlafstörungen?
Jeder Stress verursacht eine Anspannung im Körper. Diese muskulären Verspannungen verringern unsere Energie und stören vor allem unsere emotionale Gesundheit. Der moderne Mensch lebt zudem aufgrund seiner sozialen Bindungen, seines Berufes und seiner Freizeitgestaltung mehr oder weniger laufend gegen die innere Uhr und die internen Rhythmen. Die Folge ist ein permanentes Schlafdefizit. Dies führt dazu, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, sich beim Schlafen nicht mehr richtig erholen zu können. Sie fühlen sich bereits am Morgen müde und erschöpft. Die Folge davon ist, dass man rasch überfordert, unkonzentriert, schlecht gelaunt oder gar depressiv ist und in Summe an einer Tagesmüdigkeit leidet. Dazu kommen die typischen „Schlafstörer“ wie Lärm, Elektrosmog, Lichteinflüsse, Wohngifte, eine ungeeignete Schlafunterlage, zu viel Alkohol und/oder Nikotin, zu üppiges Essen am Abend, private und/oder berufliche Probleme.
Warum ist gutes Schlafen bzw. guter Schlaf so wichtig?
Das kann ich rasch auf den Punkt bringen. Nach 20 Jahren Schlafforschung und Gesundheitsforschung habe ich keinen Faktor gefunden, der einen größeren Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit hat als der Schlaf. Eine laufende Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus und Schlafstörungen berauben den Körper zum Beispiel seiner Fähigkeit, sich gegen Tumorzellen zu wehren. Deshalb nimmt der Schlaf sowohl in der Diagnose als auch in der Therapie eine immer wichtigere Stellung ein. Gesunder und ausreichender Schlaf ist unter anderem die effektivste, kostengünstigste, nebenwirkungsfreiste und ökonomischste Form der Krankheitsvorbeugung und Krebsvorbeugung.
Wie misst man den eigenen Schlaf und die Schlafqualität?
Im Normalfall kann man den eigenen Schlaf im Sinne einer "Schlaflabor-Analyse" selbst nicht messen. Man erfährt das vielmehr über die Art, wie sich der folgende Morgen und Tag gestaltet, über so genannte sekundäre Effekte also. Wie ist mein Kreislauf in Schwung? Wie fühle ich mich, bin ich hellwach und munter, gut aufgelegt, tun mir irgendwelche Gelenke oder der ganze Körper weh? Habe ich Rückenschmerzen und Kopfschmerzen? Habe ich also irgendwelche Symptome, die gleich früh am Morgen auftreten? Das sind zum Beispiel deutliche Hinweise, dass der Schlaf qualitativ nicht so gut war und Schlafstörungen möglicherweise vorliegen.
Welches sind die neuesten Erkenntnisse der Schlafforschung?
Die Schlafforschung zählt zu einer der effektivsten Disziplinen mit laufend interessanten und verwertbaren Ergebnissen. Zum Beispiel läuft seit einigen Jahren an der medizinischen Universität Lübeck eine der großen, interdisziplinär angelegten Studien zum Thema Schlaf. Dabei geht es auch um die zentrale Frage, warum der Mensch überhaupt schläft. Bisher fand man heraus, dass während des Schlafs eine Art Gedächtnis gebildet wird. Das heißt, dass wir uns im Schlaf bezüglich sämtlicher Umweltreize laufend neu einstellen und konditionieren. Das ist insofern von Bedeutung, als dass sich auch das Immunsystem nach diesen Abläufen richtet. Der Organismus muss sich immer wieder neu immunisieren. Diese neuen Erkenntnisse bestätigen auch meine These, dass es einen sehr engen Zusammenhang zwischen der Gesundheit des Menschen und seinem Schlaf gibt. So werden die Selbstheilungskräfte des Menschen vor allem im Schlaf aktiviert. Die Schlussfolgerung lautet: Chronischer Schlafmangel bzw. Schlafstörungen beschleunigen das Auftreten von Gesundheitsstörungen und Krankheiten und behindert oft genug eine Heilung.
Heißt mehr zu schlafen, denn auch besser zu schlafen?
Nein, auf keinen Fall. Die Qualität steht eindeutig vor der Quantität. Japanische Wissenschaftler haben in einer Studie nachgewiesen, dass zu viel schlafen genauso schlecht ist, wie zu wenig schlafen.
Worauf führen Sie das Schlafdefizit und die Schlafstörungen in unserer Gesellschaft zurück?
Tatsächlich gibt es viele Einflussfaktoren, die zu Schlafstörungen führen. Wir sprechen dabei von inneren Einflüssen wie Stress, Störung des Bio-Rhythmus, Schmerzen, Krankheiten etc. Zunehmend machen dem Zivilisationsmenschen aber auch die äußeren Einflüsse wie Lärm, Luftverschmutzung und Elektrosmog zu schaffen. Deshalb ist es wichtig, das Schlafumfeld zu optimieren – vom ganzheitlichen Schlafsystem bis hin zu einem ungestörten Raumklima und Elektroklima. Elektrische und magnetische Felder im Schlafbereich zählen heute zur häufigsten Ursache von funktionellen Schlafstörungen. Elektrosmog hemmt unter anderem die Ausschüttung des Hormons Melatonin, welches wir zum Einschlafen und Durschlafen benötigen. Zudem ist Melatonin auch ein wichtiges Schutzhormon für die Zellen.
Was hindert uns am Schlafen und führt zu Schlafstörungen?
Wie bereits angesprochen – zu den Hauptursachen zählt sicherlich unser Leben gegen die innere Uhr. Der Biorhythmus von Tag und Nacht ist vielfach gestört, indem wir eben die Nacht zum Tag machen. Schlafdefizite hat es wohl immer wieder gegeben. Was sich aber geändert hat, sind die Ursachen. Während der Urmensch durch Krankheit, Naturgeräusche oder Tiere im Schlaf gestört war, ist die häufigste Ursache von Schlafstörungen heute emotionaler oder psychosozialer Stress. Nach meinen langjährigen Forschungen und Messungen zählt der Elektrosmog heute zu den potenzialsten Schlafstörern überhaupt. Dabei geht es nicht nur um die rasant zunehmenden elektromagnetischen Felder am Schlafplatz. Die Melatoninproduktion von Menschen, die außerordentlich viel am PC sitzen, die viel mit dem Handy telefonieren, wird nachweislich durch Elektrosmog beeinträchtigt. Elektrosmog am Arbeitsplatz und am Schlafplatz hemmt den Schlaf. All diese Dinge bringen den natürlichen Rhythmus des Schlafes so durcheinander, dass der gestresste Zivilisationsmensch am Abend zwar todmüde ist, aber an Einschlafstörungen und Durchschlafstörungen leidet.
Wie stehen Sie zu Schlaftabletten?
Um an das vorher Gesagte anzuschließen – Schlaftabletten können die Ursachen der Schlafstörungen nicht beeinflussen. Allein schon die Bezeichnung ist verführerisch und eigentlich falsch. Es gibt keine Tabletten, die einen gesunden Schlaf erzeugen. Oft ist genau das Gegenteil der Fall. Vor allem bei Menschen, die über längere Zeiträume oder über Jahre hinweg Schlafmedikamente einnehmen. Dadurch werden die natürlichen Rhythmen des Schlafes beeinflusst oder unterdrückt. Zudem führen viele Schlaftabletten zu einer körperlichen und vordergründig psychischen Abhängigkeit. Die Folge davon ist oft eine nicht angezeigte Erhöhung der Dosis. Dies führt zu toxischen Belastungen des Organismus. Zudem wirken die Inhaltsstoffe oft genug über die Nacht hinaus, was zu Tagesmüdigkeit und Abgeschlagenheit führt. Die Folge davon ist wiederum eine weitere Verschlechterung der biologischen Schlafqualität. Schlafmedikamente sollten in jedem Fall nur in Absprache mit dem Arzt und nicht über längere Zeiträume eingenommen werden.
Gibt es Alternativen?
Die Alternative beginnt mit einer Ursachenforschung. Erst wenn die Ursachen der Schlafstörungen bzw. des schlechten Schlafs gefunden und beseitigt sind, kann man über alternative Wege nachdenken. Anhand klinisch erprobter Fragenkataloge kann hier schon viel eruiert werden. Grundsätzlich gilt, wenn jemand 3-4 Wochen hintereinander 3-4-mal wöchentlich schlecht schläft, also Einschlafschwierigkeiten bzw. Einschlafstörungen hat, unruhig schläft oder öfters aufwacht (Durchschlafstörungen), dann spricht man von einer Schlafstörung. In solchen Fällen ist es ratsam, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor Stoffwechselstörungen überhand nehmen. Gleichzeitig kann jeder Schlaf verbessert werden – und das sollte auch das Ziel sein, vor allem für Menschen, die gesünder leben wollen. Wer gesund leben will, der muss auch gesund schlafen. An dieser Stelle darf ich vielleicht folgendes Buch empfehlen: "Schlaf dich gesund!" Neue Wege der Entspannung und Stressbewältigung. Der Schlaf – Quelle der Gesundheit, Vitalität, Daseinsfreude und der Lebensenergie. Dieses Buch habe ich zusammen mit dem Schweizer Arzt und Wissenschaftler Prof. Dr. med. Dr. h. c. Boris Luban Plozza geschrieben.
Was kann man gegen Schlaflosigkeit tun? Gibt es einfache Tricks und Tipps gegen Schlafstörungen damit man besser schlafen kann, ohne gleich zum Hausarzt zu gehen?
Wer seinen Schlaf verbessern will, der kann logischerweise selbst am meisten dazu beitragen. Der Paradigmenwechsel ist unübersehbar. Bislang hat man die Verbesserung des Schlafes oder die Heilung seiner Krankheit ausschließlich an den Arzt delegiert. Das wird in Zukunft so gar nicht möglich sein, weil das niemand mehr bezahlen kann. Ein Teilbild der künftigen Heilkunde wird ganz klar von der vermehrten Eigenverantwortlichkeit des Patienten eingenommen werden. Bei meinen Vorträgen und Seminaren erlebe ich immer wieder, dass viele Leute heute besser informiert sind als die, von denen man es erwarten müsste. Wenn ich einen Wegweiser zu den Grundlagen für besseren Schlaf beschriften müsste, würde ich Folgendes darauf schreiben:
1. Ganzheitliches Schlaf-gesund-Konzept (richtige Schlafunterlage, Schutz vor Elektrosmog).
2. Innere Uhr berücksichtigen.
3. Die wichtigsten Säulen der Gesundheit beachten (Ernährung, Atmung, Bewegung, Entspannung).
4. Einschlaf-Rituale verwenden (positive Gedanken)
5. Harmonisch leben. Die innere Harmonie ist das Wichtigste für gesunden, erholsamen Schlaf!
Das Buch "Schlaf dich gesund – neue Wege der Entspannung und Stressbewältigung" von Günther W. Amann-Jennson und Prof. Dr. med. Boris Luban-Plozza ist beim Oesch Verlag in Zürich erschienen.


